{"id":977,"date":"2018-07-18T10:58:06","date_gmt":"2018-07-18T08:58:06","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.freitagabeins.com\/?p=977"},"modified":"2018-07-18T10:58:11","modified_gmt":"2018-07-18T08:58:11","slug":"von-aussteigern-und-floetgroet","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/blog.freitagabeins.com\/index.php\/2018\/07\/18\/von-aussteigern-und-floetgroet\/","title":{"rendered":"Von Aussteigern und Fl\u00f6tgr\u00f6t"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"text-align:center;\">Schweden 2018 \u00b7 Teil 10<\/h3>\n<p>Dass wir am Morgen ewig brauchen ist der Normalzustand, aber heute brechen wir den Rekord. Kurz vor 12 Uhr sitzen wir erst im Auto. Zu unserer Verteidigung, wir wurden aufgehalten. Zuerst stellt unsere Frage nach Br\u00f6tchen den Campingplatzbesitzer vor eine echte Herausforderung. Obwohl wir versuchen unseren Wunsch zur\u00fcck zu ziehen, schlie\u00dflich haben wir Reserve-Polarbr\u00f6d dabei, gibt der nicht auf, bis er in irgendeiner Ecke einen Sechserpack Aufbackbr\u00f6tchen findet. Super, drei f\u00fcr heute und drei f\u00fcr morgen, sagt der Prinz. Der Campingplatzbesitzer will die erste Fuhre gleich aufbacken. Er bringt sie uns, sobald sie fertig sind, versichert er. Wir sitzen am gedeckten Tisch und warten. Das hatten wir ja schon mal diesen Urlaub. Nach 20 Minuten geht der Prinz zur Rezeption. Wir wurden nicht vergessen. Immerhin. Aber die Br\u00f6tchen sind etwas zu dunkel geworden. Ach so. Die zweite Ladung ist aber schon im Ofen. Na dann. Dieses mal geht zum Gl\u00fcck alles gut und irgendwann sind wir tats\u00e4chlich fertig mit dem Fr\u00fchst\u00fcck.<\/p>\n<p>Als ich gerade vom Abwaschen komme, sehe ich den Prinz und die kleine Prinzessin in eine Unterhaltung mit einem Hundebesitzer vertieft. Kein Wunder, Jette hat eine Leidenschaft f\u00fcr die Vierbeiner entwickelt und wackelt mit dem ganzen K\u00f6rper, wenn sie einen sieht. Es ist unm\u00f6glich darauf nicht zu reagieren. Hund und Jette sind gleichaltrig, sagt mir der Prinz, als ich dazu sto\u00dfe. Sonst haben sie aber nicht viel gemeinsam. Wir unterhalten uns mit dem Hundebesitzer &#8211; ein Mann mit viel Bart und vielen Tatoos. Ein Jahr Pause macht er gerade. Er hat zu viel gearbeitet und muss einfach mal tun, was er liebt, sagt er. Ich sch\u00e4tze ihn auf Ende 20. Ein Hipster, der keiner sein m\u00f6chte. Er angelt seit er ein kleiner Junge ist und f\u00e4hrt jedes Wochenende ins J\u00e4mtland. Das hier ist sein eigentliches Zuhause. Da haben wir ihn also, unseren ersten Aussteiger. Es kommen noch viele dazu in diesem Urlaub. Wenn man nicht viel braucht au\u00dfer unber\u00fchrter Natur, ist man hier in Nord-Schweden gut aufgehoben. Vieles geht einfacher und entspannter und Natur gibt es ohne Ende.<\/p>\n<p>Nach unserem Gespr\u00e4ch mit dem Fischer geht es endlich los. Wir wollen zum Sonfj\u00e4ll, den schicken Berg, den wir von unseren Platz aus sehen k\u00f6nnen. Laut Reisef\u00fchrer von Anne und Uwe gibt es dort eine Familienroute \u00fcber 2,5 km. Perfekt. Wir rumpeln eine Schotterpiste entlang zu einem Parkplatz, von dem die Wanderrouten starten. Der Bulli sieht danach aus wie ein richtiger Outdoorprofi. Wir wollen dem in nichts nachstehen und ziehen unsere Wanderschuhe an. Der erste Einsatz f\u00fcr meine neuen Lowas. Mal sehen, was sie drauf haben. Der Prinz schnallt die kleine Prinzessin in die Trage. Und auf geht&#8217;s.<\/p>\n<p>Wie werden wieder aufgehalten. Ein einsamer Camper mit seinem Hund spricht uns auf Deutsch an. Er freut sich mal wieder seine Sprache sprechen zu k\u00f6nnen, sagt er. Und dann fragt er uns aus, was man hier machen kann. Wir referieren brav, was wir im Reisef\u00fchrer gelesen haben. Gemeinsam gehen wir zu der 50 Meter entfernten Sennh\u00fctte. Wir wollen noch einen kleinen Mittagssnack, es ist schlie\u00dflich nach 12. Aber die Sennh\u00fctte hat zu. Ok, dann wandern wir eben ohne Snack. Es sind ja nur 2,5 km. Einen Apfel und ein paar Pepparkakor haben wir dabei. Wir sehen ein Hinweisschild mit vielen Pfeilen zu unterschiedlichen Wanderrouten. Die k\u00fcrzeste ausgewiesene Strecke ist 2 km &#8211; das muss wohl die Familienroute sein, denken wir. Der einsame Camper ist anscheinend wirklich sehr einsam und fragt, ob er uns begleiten kann. Teils, weil ich nicht wei\u00df, wie ich nett nein sagen soll, teils weil ich ich neugierig bin, sag ich ja. Wir stiefeln also zu f\u00fcnft die 2-Kilometer-Route entlang &#8211; der Prinz und ich in Outdooruniform, die kleine Prinzessin mit Sommerm\u00fctze in der Papaluxustrage und dazu Raffa, der einsame Camper in zertrettenen Turnschuhen und Jackie die H\u00fcndin barfu\u00df und fr\u00f6hlich bellend. Die kleine Prinzessin ist hoch erfreut.<\/p>\n<p>Es geht aufw\u00e4rts, einen schmalen Weg entlang zwischen vermurkelten B\u00e4umen. Hinter jeder Wurzel k\u00f6nnte ein Troll oder zwei sitzen. Es wird steiler. Die B\u00e4ume verschwinden. Der Ausblick wird spektakul\u00e4rer. Ein Gl\u00fcck, so kann ich ab und zu stehenbleiben und mit gespielter Eifrigkeit, wie ein Reisereporter, die Kamera vor die Nase halten, um unbemerkt durchzuatmen. Ich schnaufe wie ein Walross. Ich h\u00f6re die Trolle unten im Wald lachen. Wegweiser haben wir schon lange nicht mehr gesehen. Aber daf\u00fcr m\u00fcssen wir ab und zu \u00fcber eine Art h\u00f6lzerne H\u00fchnerleiter. Es waren also schon mal Menschen vor uns hier. Das beruhigt mich. Trotzdem &#8211; ich mag nicht mehr. Die neuen Wanderschuhe laufen eben doch nicht von alleine. Eines steht fest, das ist auf keinen Fall die Familienroute. Wer wei\u00df, ob es \u00fcberhaupt irgendeine Route ist. Endlich, wir kommen auf so eine Art Plateau. Es gibt zwar keine Bank, aber immerhin einen steinernen kleinen Gipfeltroll. Der reicht, um den Platz als Zielpunkt unseres Ausflugs zu deklarieren. Wir setzen uns und lassen unsere Blicke schweifen. Hinter uns ist die Bergspitze, vor uns ein h\u00fcgeliges Meer aus gr\u00fcn und blau. Wundersch\u00f6n. Die Pepparkakor schmecken dreimal so gut wie sonst. Wir genie\u00dfen &#8211; den Blick, die Stille, den Wind und dass die Atmung wieder normal geht. Letzteres scheint nur f\u00fcr mich Bedeutung zu haben. Irgendwann gehen wir wieder nach unten. Jetzt habe ich genug Luft, um ein bisschen mehr \u00fcber unseren Reisebegleiter zu erfahren. Auch er ist ein Aussteiger. Er arbeitet immer nur so lange, bis er genug Geld f\u00fcr<strong> <\/strong>die n\u00e4chste Reise hat. Dieses Mal ist er so lange unterwegs, wie noch nie &#8211; neun Monate. Er war bei dieser Reise schon in Frankreich, Spanien, Portugal, Norwegen und jetzt in Schweden. Am Parkplatz verabschieden wir uns von Raffa und Jackie. Es war gut, dass wir die beiden  mitgenommen haben.<\/p>\n<p>Es ist mittlerweile Nachmittag und wir haben richtig Hunger. Wir fahren nach Hedeviken zu einem alten Bauernhof, den ich bei Tripadvisor gefunden habe. Der sieht so richtig sch\u00f6n traditionell aus. Wir treten ein und gehen zur Theke. Baklava, Taboul\u00e9 und orientalische Teigtaschen liegen aus. Hm. Das haben wir uns anders vorgestellt. Was soll&#8217;s, wir haben Hunger. Aber irgendetwas Regionales muss heute noch sein, finde ich. Als wir zur\u00fcck auf unserem Campingplatz sind, frage ich den Besitzer, wo wir Fisch essen k\u00f6nnen. Von unserem ersten Aussteiger, wissen wir, dass die Seen voll sind. Ich muss meine Frage wiederholen. Anscheinend ist sie ungew\u00f6hnlich. Der Campingplatzbesitzer kratzt sich am Kopf. Nach einer kurzen Pause sagt er &#8211; &#8222;When we want fish, we take it from the lake.&#8220; Aha. Uns wird klar, wir sind wahrscheinlich die einzigen im Umkreis von 50 km, die keine Angelrute haben. Ich stelle mich auf Nudeln mit Tomatenso\u00dfe ein, senke entt\u00e4uscht den Kopf und will gerade gehen, da f\u00e4llt dem Campingplatzbesitzer noch etwas ein. Ein paar hundert Meter entfernt findet heute, wie jeden Dienstag im Juli, der \u00f6rtliche Angelwettbewerb statt. Vielleicht gibt es da Fisch. Auf jeden Fall gibt es dort eine regionale Spezialit\u00e4t, die normalerweise zum Fisch gegessen wird. Klasse, das klingt super. Ich bin aus dem H\u00e4uschen. Es ist ganz klein, ruft er mir noch hinterher, eher wie eine Familienfeier. Ja, ja. Ich habe mich sowieso schon entschieden. Bevor wir zum Angelwettbewerb gehen, springt der Prinz noch in den See &#8211; wortw\u00f6rtlich. Erst vom Ein-Meter-, dann vom Zwei-Meter- und schlie\u00dflich vom Drei-Meter-Brett. Dann geht es zum Abendessen.<\/p>\n<p>Wir laufen \u00fcber die Br\u00fccke nahe des Campingplatzes. Tats\u00e4chlich stehen \u00fcberall am See Angler, die anscheind zum Wettbewerb geh\u00f6ren. Wie aufregend. Ein paar Meter weiter sehen wir ein paar Leute an zwei Gartentischen am Ufer des Sees sitzen. Ist es das? Wir laufen noch etwas weiter, hier ist ein kleiner Weg, der anscheinend zu den Tischen f\u00fchrt. An einem Baum ist ein handgeschriebener Anschlag &#8211; k\u00f6nnte Angelwettbewerb hei\u00dfen. Das ist es also wirklich! Wir trauen uns nicht weiter. Da waren nicht mehr als acht Leute zu sehen, die sich wahrscheinlich seit Kindertagen kennen und vor einer Stunde lachend gemeinsam ein paar Sm\u00f6rg\u00e5ser geschmiert haben f\u00fcr heute Abend. Wir beratschlagen, was wir machen sollen. Als wir gerade umkehren wollen, sehen wir zwei Schweden vom Campingplatz auf uns beziehungsweise auf den Weg zukommen. Wir tun so als w\u00fcrden wir mit Absicht dumm herum stehen. Die Schweden gehen an uns vorbei, zielstrebig zum Minifest. Wir folgen in angemessenen Abstand, damit wir im Notfall ungesehen fl\u00fcchten k\u00f6nnen. Abgesehen von den zwei Tischen mit besagten acht Personen, gibt es noch einen weiteren Tisch, ein Feuer und tats\u00e4chlich einen kleinen Verkaufsstand mit einer handgeschriebenen aber echten Preisliste. Wir f\u00fchlen uns wie Au\u00dferirdische, aber es gibt hier Essen k\u00e4uflich zu erwerben, deshalb bleiben wir. Wir stellen uns vor den Verkaufsstand und versuchen zu entschl\u00fcsseln, was es gibt. Dabei kommen wir mit den Campingplatzschweden ins Gespr\u00e4ch. Wir unterhalten uns \u00fcber Urlaub, Schweden, Camping, die kleine Prinzessin. Es ist sehr nett und wir bekommen die Karte erkl\u00e4rt. Abgesehen von W\u00fcrstchen und Softdrinks gibt es Fl\u00f6tgr\u00f6t, das ist Sahnegrie\u00df &#8211; eine Spezialit\u00e4t, die hier zu Fisch gegessen wird. Fisch gibt es tats\u00e4chlich nicht, weder auf der Karte noch beim Wettbewerb. Bisher hat niemand einen Fisch heraus gezogen, \u00fcbersetzen die Campingplatzschweden die Ansage aus dem Lautsprecher &#8211; ja, den gibt es tats\u00e4chlich. W\u00e4re nicht n\u00f6tig bei den paar Leutchen, aber wahrscheinlich st\u00e4rkt das den Wettbewerbsgeist. Egal, wir widmen uns dem Fl\u00f6tgr\u00f6t, mangels Fisch, wird es mit Zimt und Zucker serviert. Es schmeckt k\u00f6stlich. Ich mag die Schweden ja schon deshalb, weil sie &#8222;Kinderessen&#8220; wie Pannkakor und Grie\u00df auch f\u00fcr Erwachsene servieren. Wir trinken einen sehr schwarzen Kaffee, der aus einer noch schw\u00e4rzeren Kanne kommt, die direkt im Feuer steht. Der einzige Grund f\u00fcr das Feuer ist diese Kanne. Die Schweden lieben ihren Kaffee eben zu jeder Tageszeit. Die Campingplatzschweden sind inzwischen weg. Wir f\u00fchlen uns immer noch ein wenig wie Au\u00dferirdische, allerdings wie niedliche adoptierte Au\u00dferirdische. Wir werden angegrinst und wenn wir die alten Damen am Verkaufsstand verst\u00e4ndnislos ansehen, lachen diese laut. Wir kaufen noch ein paar Lose zur Unterst\u00fctzung des \u00f6rtlichen Angelvereins vielleicht &#8211; keine Ahnung, irgendwas unterst\u00fctzen wir jedenfalls. Und dann gehen wir zur\u00fcck zum Campingplatz &#8211; gl\u00fccklich \u00fcber das tolle Erlebnis und pappsatt vom sahnigen Fl\u00f6tgr\u00f6t.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schweden 2018 \u00b7 Teil 10 Dass wir am Morgen ewig brauchen ist der Normalzustand, aber heute brechen wir den Rekord. Kurz vor 12 Uhr sitzen wir erst im Auto. Zu unserer Verteidigung, wir wurden aufgehalten. 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