Unser erstes Hotel-Frühstück um 9:30. Wir sind augenscheinlich spät dran und bekommen nur noch einen Platz im Raum abseits des großen Buffets. Dafür können wir uns in die flauschigen Lounge-Kissen fallen lassen.
Die Bäuche gut gefüllt geht’s zum 10:45 Treffpunkt in Baixa Chiado, wo uns der rote Regenschirm von Sandemanns Free Walking Tour sofort den Weg weist. Ja, wir gehen wieder spazieren, auf unsere Art. Oder Portugiesisch mit anderen Entdeckern wie unser Guide Yuri uns taufen wird. Start ist am Lago de Camões. Es geht los mit einem Gruppenfoto. Dann folgen unterhaltsame 3000 Jahre portugiesiche Geschichte in 7 Minuten. Völlig baff und breit grinsend setzen wir uns in Gang. Der Platz an dem wir uns getroffen haben, beherbergt gleich mal Statuen der drei wichtigsten Schreiberlinge portugiesicher Literatur. Ein kleiner Exkurs darf da nicht fehlen:
Luis Vas de Camões ist quasi der Homer der Portugiesen. Er schreibt in seinen Luisaden über die Entdeckungen und Reisen vieler Portugiesen und befeuert somit heute noch den unerschütterlichen Stolz des kleinen Landes auf die Entdeckungen seiner Seefahrer und die alten Kolonialzeiten. Auch wenn ihnen das mit dem brasilianischen Gold immer mal wieder peinlich ist – wir haben eine brasilianische Familie dabei.
Der zweite im Bunde ist Ribeiro Chiado. Dieser medieval Eminem soll hier im heutigen Stadtteil Chiado rappender Weise seine Verse vorgetragen haben. Und so bekommen wir auch von Yuri mal eben eine Kostprobe seiner Freestyle Qualitäten. Da Chiados Stimme stark beansprucht irgendwann dem Quietschen der Straßenbahn gleicht, die sich hier durch die engen Straßen quält, bekommt er wohl den Spitznamen Squeaky Chiado.
Fernando Pessoa (eigentlich: Fernando António Nogueira de Seabra Pessoa) ist der dritte im Bunde. Seine Statue sitzt Zeitung lesend vor einem Café. Vielleicht gönnt sich sein Geist heute noch ab und an einen Absinth. Der zudem Opium abhängige Pessoa soll sich zu Lebzeiten bis zu 136 Identitäten ausgedacht haben, über die er Kritiken schreibt und die er sogar gegenseitig treffen lässt.
Wir ziehen weiter von Chiado runter nach Baixa (Downtown wie wir am Abend noch beim Englischen Film mit Untertiteln lernen). Wir lernen, dass Lissabon wie ein rotierender Ventilator (engl. Fan) ist. Hinter jeder Ecke lauert ein Windzug vom Atlantik her, aber eben auch ein neuer fantastischer Blick.
Am Lago do Carmo ist ein kleiner süßer Kunstmarkt. Dort hat man auch die Ruinen des Convento do Carmo stehen lassen. Beim verheerenden Erdbeben am Allerheiligentag 1755 hatte es mit Stärke 8,5-9,0 bis zu 100.000 Tote gegeben. Beinahe alle Gotteshäuser waren zerstört worden. Einzig das Rotlichtviertel Alfama und somit die Sünder der Stadt hatten überleben können. Unten am Bahnhof lernen wir den Inszest Manuel kennen. Der kleine Mann hatte einst seinen eigenen Baustil begründet und thront hier, natürlich etwas erhöht, vor dem Bahnhof, der uns später evtl. noch nach Sintra bringen soll.
Auf Meereshöhe hat dann wieder Yuri das Wort. Selbstverständlich weiß er auch das die Statue, die Pedro von Portugal (hier lernen wir dann das Pedro I. von Brasilien und der IV. von Portugal dieselbe Person sind) darstellen soll, eigentlich Maximilian von Mexiko ist. Aber als die Statue schon mal fertig war, aber nicht mehr gebraucht wurde, war das perfekte Müllvermeidung.
Unsere Tour endet auf dem Praça de Commerça, wo wir neben der Statue des Königs mit den kleinen satirischen Anspielungen des Marquis de Pombal selbstverständlich auch von der Nelkenrevolution erfahren. Yuri singt uns das Lied, was damals im Radio gespielt wurde, um allen klar zu machen, das die Diktatoren abgedankt hatten. Natürlich mit viel Drama. Der Junge ist großartig. Für die Suche nach einem Mittagstisch gibt er uns noch drei einfache Regeln mit: handgeschriebene Karte ohne Übersetzungen, Nebenstraße und viel Hektik. Wir befolgen den Rat und essen Riesenrindersteak und gemischte Fleischplatte, trinken Espresso und werden mit Handschlag verabschiedet.
Angesteckt von Yuris Begeisterung für seine Stadt, das Land und portugiesisches Drama buchten wir bereits vor der Mittagspause die Führung durch Belem. (das m spricht man nicht) Von hier stechen die grossen Entdecker und Navigatoren Portugals vor allem im 15. und 16. Jahrhundert in See Richtung Asien, später auch Südamerika und Magellan gar um die ganze Welt.
Zuerst aber in den Zug. Vorher wird noch eine Teilnehmerin mit einem netten „How is your hangover?“ (Wie geht’s deinem Suffkopp) begrüßt. Ja, die Lissabonner Sandmann Walker bieten auch Pubtouren. Oder wie war das nochmal, nur die Suendigen wurden 1755 vom Erdbeben verschont.
Wie passend startet unsere Tour durch die Seefahrergeschichte an der Statue des „Piraten“ des Indischen Ozeans: Afonso de Albuquerque. Im neu-manuelinischen (der kleine Inzest-Sohn vom Bahnhof am Vormittag) Stil verraten die Reliefs Eckpunkte über dessen Geschichte. Von der Stelle an dem heute der Platz mit der Bronzestatue steht, fliehen 1807 Queen Mary I., Prinz John VI und die restliche Königsfamilie nach Brasilien als Napoleons Truppen Lissabon angreifen. Ausserdem erinnert die Inschrift einer Granitbank an die Gründung des F.C. Belem – von wegen Sporting und Benfica Lissabon. In Belem ist man eher Spandauer als Berliner. Hier hat man seinen eigenen Verein.
In der Igreja de Santa Maria de Belem haben wir nur 15 min. Also werfen wir schnell einen Blick hinein. Immerhin ist Vasco da Gama hier begraben. Direkt gegenüber, zwar nicht begraben, aber ebenso auf einem Grabstein liegend dargestellt, treffen wir unseren Liebling Luis Vas de Camões. Beim Blick zurück in das Kirchenschiff des Klosters macht uns Yuri noch auf den überdimensionalen R2D2 aufmerksam. Man spürt schon eine gewisse …. Macht?
Weiter geht’s an die heutige Wasserkante. Vor dem Padrão dos Descobrimentos (Denkmal der Entdeckungen), welches von 33 Statuen von Entdeckern und Unterstuetzern des Seefahrerzeitaltern des 15./16. Jahrhunderts flankiert ist und an seiner Front ein riesiges Langschwert (oder doch ein Kreuz?) präsentiert, zeigt uns Yuri auf einer riesigen Landkarte auf dem Boden alle grossen Etappen der portugiesischen Entdeckungsreisen. Chronologisch natürlich und mit viel Drama. Ein wenig später versucht er uns zu überzeugen, dass Christoph Columbus ein verräterischer, abtrueniger Portugiese, der sich dem spanischen Hofe angeboten hatte, um nach Indien segeln zu können, quasi der Beweis wäre, dass Portugal nicht nur die halbe, sondern eigentlich die ganze Welt eroberte. Am Torre de Belem haben wir dann mal Glück mit dem Sonnenuntergang und Yuri erzählt von ertrinkenden Gefangenen während des Vollmonds, Rhinozeros und Elefanten Kaempfen und erklärt Verteidigungsformationen, auf See die den Lissabonner Hafen schützten. Aber eigentlich haben alle Hunger, denn nicht weniger als die besten Pasteis de Natas (de Belem) Portugals wurden uns versprochen. Wir begehen eine Todsünde – wir kaufen wirklich nur Eine pro Person.
Wir schleichen müde von dem prall gefüllten Tag ins Hotel. Unser neuer Lieblingssender heisst AXN – im alkoholisierten Zustand ist das ganz klar portugiesisch für Action. (X portugiesisch = ch) Erst rasante Action mit Angelina Joli als „Salt“ und dann schlafen wir nacheinander bei „Spy Game“ ein.




