Schweden 2018 · Teil 10
Dass wir am Morgen ewig brauchen ist der Normalzustand, aber heute brechen wir den Rekord. Kurz vor 12 Uhr sitzen wir erst im Auto. Zu unserer Verteidigung, wir wurden aufgehalten. Zuerst stellt unsere Frage nach Brötchen den Campingplatzbesitzer vor eine echte Herausforderung. Obwohl wir versuchen unseren Wunsch zurück zu ziehen, schließlich haben wir Reserve-Polarbröd dabei, gibt der nicht auf, bis er in irgendeiner Ecke einen Sechserpack Aufbackbrötchen findet. Super, drei für heute und drei für morgen, sagt der Prinz. Der Campingplatzbesitzer will die erste Fuhre gleich aufbacken. Er bringt sie uns, sobald sie fertig sind, versichert er. Wir sitzen am gedeckten Tisch und warten. Das hatten wir ja schon mal diesen Urlaub. Nach 20 Minuten geht der Prinz zur Rezeption. Wir wurden nicht vergessen. Immerhin. Aber die Brötchen sind etwas zu dunkel geworden. Ach so. Die zweite Ladung ist aber schon im Ofen. Na dann. Dieses mal geht zum Glück alles gut und irgendwann sind wir tatsächlich fertig mit dem Frühstück.
Als ich gerade vom Abwaschen komme, sehe ich den Prinz und die kleine Prinzessin in eine Unterhaltung mit einem Hundebesitzer vertieft. Kein Wunder, Jette hat eine Leidenschaft für die Vierbeiner entwickelt und wackelt mit dem ganzen Körper, wenn sie einen sieht. Es ist unmöglich darauf nicht zu reagieren. Hund und Jette sind gleichaltrig, sagt mir der Prinz, als ich dazu stoße. Sonst haben sie aber nicht viel gemeinsam. Wir unterhalten uns mit dem Hundebesitzer – ein Mann mit viel Bart und vielen Tatoos. Ein Jahr Pause macht er gerade. Er hat zu viel gearbeitet und muss einfach mal tun, was er liebt, sagt er. Ich schätze ihn auf Ende 20. Ein Hipster, der keiner sein möchte. Er angelt seit er ein kleiner Junge ist und fährt jedes Wochenende ins Jämtland. Das hier ist sein eigentliches Zuhause. Da haben wir ihn also, unseren ersten Aussteiger. Es kommen noch viele dazu in diesem Urlaub. Wenn man nicht viel braucht außer unberührter Natur, ist man hier in Nord-Schweden gut aufgehoben. Vieles geht einfacher und entspannter und Natur gibt es ohne Ende.
Nach unserem Gespräch mit dem Fischer geht es endlich los. Wir wollen zum Sonfjäll, den schicken Berg, den wir von unseren Platz aus sehen können. Laut Reiseführer von Anne und Uwe gibt es dort eine Familienroute über 2,5 km. Perfekt. Wir rumpeln eine Schotterpiste entlang zu einem Parkplatz, von dem die Wanderrouten starten. Der Bulli sieht danach aus wie ein richtiger Outdoorprofi. Wir wollen dem in nichts nachstehen und ziehen unsere Wanderschuhe an. Der erste Einsatz für meine neuen Lowas. Mal sehen, was sie drauf haben. Der Prinz schnallt die kleine Prinzessin in die Trage. Und auf geht’s.
Wie werden wieder aufgehalten. Ein einsamer Camper mit seinem Hund spricht uns auf Deutsch an. Er freut sich mal wieder seine Sprache sprechen zu können, sagt er. Und dann fragt er uns aus, was man hier machen kann. Wir referieren brav, was wir im Reiseführer gelesen haben. Gemeinsam gehen wir zu der 50 Meter entfernten Sennhütte. Wir wollen noch einen kleinen Mittagssnack, es ist schließlich nach 12. Aber die Sennhütte hat zu. Ok, dann wandern wir eben ohne Snack. Es sind ja nur 2,5 km. Einen Apfel und ein paar Pepparkakor haben wir dabei. Wir sehen ein Hinweisschild mit vielen Pfeilen zu unterschiedlichen Wanderrouten. Die kürzeste ausgewiesene Strecke ist 2 km – das muss wohl die Familienroute sein, denken wir. Der einsame Camper ist anscheinend wirklich sehr einsam und fragt, ob er uns begleiten kann. Teils, weil ich nicht weiß, wie ich nett nein sagen soll, teils weil ich ich neugierig bin, sag ich ja. Wir stiefeln also zu fünft die 2-Kilometer-Route entlang – der Prinz und ich in Outdooruniform, die kleine Prinzessin mit Sommermütze in der Papaluxustrage und dazu Raffa, der einsame Camper in zertrettenen Turnschuhen und Jackie die Hündin barfuß und fröhlich bellend. Die kleine Prinzessin ist hoch erfreut.
Es geht aufwärts, einen schmalen Weg entlang zwischen vermurkelten Bäumen. Hinter jeder Wurzel könnte ein Troll oder zwei sitzen. Es wird steiler. Die Bäume verschwinden. Der Ausblick wird spektakulärer. Ein Glück, so kann ich ab und zu stehenbleiben und mit gespielter Eifrigkeit, wie ein Reisereporter, die Kamera vor die Nase halten, um unbemerkt durchzuatmen. Ich schnaufe wie ein Walross. Ich höre die Trolle unten im Wald lachen. Wegweiser haben wir schon lange nicht mehr gesehen. Aber dafür müssen wir ab und zu über eine Art hölzerne Hühnerleiter. Es waren also schon mal Menschen vor uns hier. Das beruhigt mich. Trotzdem – ich mag nicht mehr. Die neuen Wanderschuhe laufen eben doch nicht von alleine. Eines steht fest, das ist auf keinen Fall die Familienroute. Wer weiß, ob es überhaupt irgendeine Route ist. Endlich, wir kommen auf so eine Art Plateau. Es gibt zwar keine Bank, aber immerhin einen steinernen kleinen Gipfeltroll. Der reicht, um den Platz als Zielpunkt unseres Ausflugs zu deklarieren. Wir setzen uns und lassen unsere Blicke schweifen. Hinter uns ist die Bergspitze, vor uns ein hügeliges Meer aus grün und blau. Wunderschön. Die Pepparkakor schmecken dreimal so gut wie sonst. Wir genießen – den Blick, die Stille, den Wind und dass die Atmung wieder normal geht. Letzteres scheint nur für mich Bedeutung zu haben. Irgendwann gehen wir wieder nach unten. Jetzt habe ich genug Luft, um ein bisschen mehr über unseren Reisebegleiter zu erfahren. Auch er ist ein Aussteiger. Er arbeitet immer nur so lange, bis er genug Geld für die nächste Reise hat. Dieses Mal ist er so lange unterwegs, wie noch nie – neun Monate. Er war bei dieser Reise schon in Frankreich, Spanien, Portugal, Norwegen und jetzt in Schweden. Am Parkplatz verabschieden wir uns von Raffa und Jackie. Es war gut, dass wir die beiden mitgenommen haben.
Es ist mittlerweile Nachmittag und wir haben richtig Hunger. Wir fahren nach Hedeviken zu einem alten Bauernhof, den ich bei Tripadvisor gefunden habe. Der sieht so richtig schön traditionell aus. Wir treten ein und gehen zur Theke. Baklava, Taboulé und orientalische Teigtaschen liegen aus. Hm. Das haben wir uns anders vorgestellt. Was soll’s, wir haben Hunger. Aber irgendetwas Regionales muss heute noch sein, finde ich. Als wir zurück auf unserem Campingplatz sind, frage ich den Besitzer, wo wir Fisch essen können. Von unserem ersten Aussteiger, wissen wir, dass die Seen voll sind. Ich muss meine Frage wiederholen. Anscheinend ist sie ungewöhnlich. Der Campingplatzbesitzer kratzt sich am Kopf. Nach einer kurzen Pause sagt er – „When we want fish, we take it from the lake.“ Aha. Uns wird klar, wir sind wahrscheinlich die einzigen im Umkreis von 50 km, die keine Angelrute haben. Ich stelle mich auf Nudeln mit Tomatensoße ein, senke enttäuscht den Kopf und will gerade gehen, da fällt dem Campingplatzbesitzer noch etwas ein. Ein paar hundert Meter entfernt findet heute, wie jeden Dienstag im Juli, der örtliche Angelwettbewerb statt. Vielleicht gibt es da Fisch. Auf jeden Fall gibt es dort eine regionale Spezialität, die normalerweise zum Fisch gegessen wird. Klasse, das klingt super. Ich bin aus dem Häuschen. Es ist ganz klein, ruft er mir noch hinterher, eher wie eine Familienfeier. Ja, ja. Ich habe mich sowieso schon entschieden. Bevor wir zum Angelwettbewerb gehen, springt der Prinz noch in den See – wortwörtlich. Erst vom Ein-Meter-, dann vom Zwei-Meter- und schließlich vom Drei-Meter-Brett. Dann geht es zum Abendessen.
Wir laufen über die Brücke nahe des Campingplatzes. Tatsächlich stehen überall am See Angler, die anscheind zum Wettbewerb gehören. Wie aufregend. Ein paar Meter weiter sehen wir ein paar Leute an zwei Gartentischen am Ufer des Sees sitzen. Ist es das? Wir laufen noch etwas weiter, hier ist ein kleiner Weg, der anscheinend zu den Tischen führt. An einem Baum ist ein handgeschriebener Anschlag – könnte Angelwettbewerb heißen. Das ist es also wirklich! Wir trauen uns nicht weiter. Da waren nicht mehr als acht Leute zu sehen, die sich wahrscheinlich seit Kindertagen kennen und vor einer Stunde lachend gemeinsam ein paar Smörgåser geschmiert haben für heute Abend. Wir beratschlagen, was wir machen sollen. Als wir gerade umkehren wollen, sehen wir zwei Schweden vom Campingplatz auf uns beziehungsweise auf den Weg zukommen. Wir tun so als würden wir mit Absicht dumm herum stehen. Die Schweden gehen an uns vorbei, zielstrebig zum Minifest. Wir folgen in angemessenen Abstand, damit wir im Notfall ungesehen flüchten können. Abgesehen von den zwei Tischen mit besagten acht Personen, gibt es noch einen weiteren Tisch, ein Feuer und tatsächlich einen kleinen Verkaufsstand mit einer handgeschriebenen aber echten Preisliste. Wir fühlen uns wie Außerirdische, aber es gibt hier Essen käuflich zu erwerben, deshalb bleiben wir. Wir stellen uns vor den Verkaufsstand und versuchen zu entschlüsseln, was es gibt. Dabei kommen wir mit den Campingplatzschweden ins Gespräch. Wir unterhalten uns über Urlaub, Schweden, Camping, die kleine Prinzessin. Es ist sehr nett und wir bekommen die Karte erklärt. Abgesehen von Würstchen und Softdrinks gibt es Flötgröt, das ist Sahnegrieß – eine Spezialität, die hier zu Fisch gegessen wird. Fisch gibt es tatsächlich nicht, weder auf der Karte noch beim Wettbewerb. Bisher hat niemand einen Fisch heraus gezogen, übersetzen die Campingplatzschweden die Ansage aus dem Lautsprecher – ja, den gibt es tatsächlich. Wäre nicht nötig bei den paar Leutchen, aber wahrscheinlich stärkt das den Wettbewerbsgeist. Egal, wir widmen uns dem Flötgröt, mangels Fisch, wird es mit Zimt und Zucker serviert. Es schmeckt köstlich. Ich mag die Schweden ja schon deshalb, weil sie „Kinderessen“ wie Pannkakor und Grieß auch für Erwachsene servieren. Wir trinken einen sehr schwarzen Kaffee, der aus einer noch schwärzeren Kanne kommt, die direkt im Feuer steht. Der einzige Grund für das Feuer ist diese Kanne. Die Schweden lieben ihren Kaffee eben zu jeder Tageszeit. Die Campingplatzschweden sind inzwischen weg. Wir fühlen uns immer noch ein wenig wie Außerirdische, allerdings wie niedliche adoptierte Außerirdische. Wir werden angegrinst und wenn wir die alten Damen am Verkaufsstand verständnislos ansehen, lachen diese laut. Wir kaufen noch ein paar Lose zur Unterstützung des örtlichen Angelvereins vielleicht – keine Ahnung, irgendwas unterstützen wir jedenfalls. Und dann gehen wir zurück zum Campingplatz – glücklich über das tolle Erlebnis und pappsatt vom sahnigen Flötgröt.
Da habt ihr bei der „Slingan“-Familienrunde wohl einen Abzweig verpasst? Na immerhin konntet ihr mit Hilfe von Raffa eure Lebensziele schärfen / korrigieren und Jette hatte einen Hund dabei.
Und mit neuen Schuhen ins Gebirge! Genau das habe ich vor ein paar Jahren genau dort auch versucht und habe auf der beschriebenen Tagestour (Wandertipp 1) böse gelitten.
Schöner Text, Inga! Der WOMO Verlag sucht immer neue Autoren…
Hallo ihr zwei! Danke für euren Kommentar und das Kompliment. Ja, das kommt davon, wenn man den Reiseführer nicht richtig liest 😉
Wann besorgt ihr euch eine Angel? 😊
Ich glaube, Basti bastelt gerade eine á là MacGuyver
Basti berichtigt mich gerade, er will die Fische mit seine Händen und einem schweizer Taschenmesser fangen … 😀