Zweiter Tag in Florenz: Kultur pur

Heute steht Kultur auf dem Programm: wir haben eine 3-stündige Stadtführung mit Artviva Tours und Tickets für die Uffizien besorgt. Die Voraussetzungen für die Aufnahme von so viel Neuem sind nicht günstig, denn unser Schlaf ist stark eingeschränkt.

Genau genommen steht die Nacht unter dem Motto „Hauen und Stechen“ – wobei wir den Hauen-Teil übernehmen und die blutrünstigen Toskanamücken den Stechen-Teil. Am Ende können wir einen knappen Sieg verbuchen, immerhin bei großer quantitativer Überlegenheit. 8 neue Blutflecken zieren jetzt das Innere von unserem Bus. Diese sollen allen Artgenossen eine Warnung sein. Hier werden keine Gefangen gemacht.

Wir stehen nach der kurzen Nacht bereits um 6 Uhr auf, denn die Stadtführung startet um 9:30 Uhr und wir haben das dringende Bedürfnis von diesem Campingplatz herunter zu kommen. Wir fahren mit dem Bus auf einen Stellplatz in der Nähe des Zentrums – hier gibt es auch einen tollen Ausblick und kein stinkendes Toilettenhäuschen, na ja es gibt eben gar kein Toilettenhäuschen. Nun schnell zur Bushaltestelle. Oh je, mit dem knurrigen Busfahrer und dem geschlossenen Ticketverkauf haben wir nicht gerechnet. Egal! Nehmen wir eben den nächsten Bus. Trotzdem schaffen wir es pünktlich zu Artviva sogar mit eingeschobener Toilettenpause in einem zuckersüßen Hotel. Pfff, Herr Busfahrer!

Jetzt startet das Kulturprogramm: Tatjana eine Russin, die augenscheinlich bis über beide Ohren verliebt ist in Florenz führt uns durch die Stadt. Drei Stunden spricht sie ununterbrochen über Geschichte, Anekdoten, Fresken, die Medici, die Kirche und die Florenzer. Wir können nicht mal die Hälfte behalten. Aber es ist wahnsinnig interessant und macht viel Spaß. Wir stiefeln über eine Unmenge an Piazzas: die Piazza de la Republica, wo Florenz seinen Ursprung genommen hat, über die Piazza de la Senora, auf der David, Herkules und unendlich viele andere Statuen von namhaften Bildhauern stehen und so viele Touristengruppen mit roten, grünen oder blauen Fähnchen, wie ich sie noch nie in meinem Leben gesehen habe. Wir gehen in Kirchen: die Ora San Michele, die gleichzeitig Kirche und Kornhandel war und eine der wenigen eckigen Kirchen ist, die es gibt auf der Welt; die Trinity Kirche, in der Fresken das Leben des heiligen Franziskus von Assisi darstellen und weitere, an die ich mich nicht mehr erinnern kann. Am Ende sehen wir natürlich die Ponte Vecchio und besuchen den Duomo.

Gelernt habe ich, dass das Bankwesen in Italien entstanden ist. Und zwar auf echten Bänken. Jede Bank = ein Finanzinstitut. War die Bank nicht mehr zahlungsfähig, musste sie zerschlagen werden und da haben wir den Ursprung des Wortes „bankrott“, ha! Außerdem habe ich verstanden, warum die Kirchen in Italien so prunkvoll sind – die reichen Händler und Bankiers wollten nicht in die Hölle trotz ihres sündigen Handels. Die Kirchenherren rochen einen guten Deal und sagten ihnen, dass sie das nicht müssten, wenn sie mit ihrem Geld etwas für Gott tun, bzw. für ein schöneres Kirchendach. Ach ja, in Italien wäscht eben eine Hand die andere. Damals zumindest.

Nach so viel Kultur und Bildung ist es Zeit für ein Panini, wir werden fündig auf der anderen Seite der Ponte Vecchio. Hier wird das Panini mit mindestens sechs Lagen bestem Schicken, Salami und Käse belegt. Und das für vier Euro. Super, die Grundlage für das nächste kulturelle Highlight ist gelegt. Wir gehen gestärkt in die Uffizien, vorbei an der langen Schlange.

Die Uffizien, die früher das Verwaltungsgebäude der Medici waren, beherbergen heute eine der bedeutendsten Kunstsammlungen der Welt. Das Gebäude, jedenfalls das obere Stockwerk ist schon ein Kunstwerk an sich – samtbezogene Räume, mit Fresken geschmückte Decken und zwischendurch immer wieder beeindruckende Ansichten auf die prunkvolle Stadt.

Vom Mittelalter bis zur Renaissance kann man hier vor allem die Kunstwerke der Italiener bestaunen –  viele Marias, Madonnen, Jesusfiguren und Szenen aus der Bibel also, in den unterschiedlichsten Varianten. Mein Highlight in der obersten Etage: Boticelli. In den Uffizien hängt sowohl die Geburt der Venus als auch der Frühling – beeindruckende Werke, die von innen zu leuchten scheinen, wunderschön sind und sich mit ihrer einzigartigen Ästhetik von allen anderen Bildern auf dieser Etage abheben. Die vielen Bedeutungsebenen, die sie bieten, werde ich nie ganz verstehen. Dazu fehlt mir das kunsthistorische Wissen. Aber sie berühren mich und ich hätte sie gerne länger betrachtet, wäre nicht so ein anstrengendes Getummel um sie herum.

Circa zwei Stunden brauchen wir für die obere Etage. Die Füße sind langsam platt und die Köpfe auch. Wir gehen eine Etage hinunter. Hier geht es weiter mit der Zeit nach Boticelli und weiteren Madonnen und Altarbildern. Diesen Teil durchqueren wir recht schnell, nicht nur wegen unsere Füße und Köpfe. Dazu gibt es in der unteren Etage eine Abteilung für ausländische Künstler aus den gleichen Epochen. Hier hängen natürlich viele Holländer wie Rembrandt und auch unser flämischer Freund Rubens – die Themen also mal wieder etwas andere. Die Abwechslung tut gut. Dennoch die untere Etage macht uns lange nicht so viel Spaß wie die obere, räumlich hat sie nichts zu bieten und noch dazu gibt es auch kaum noch Audikommentare. Nach einer weiteren Stunde in den Uffizien reicht es uns und wir treten den Weg zurück nach Fiesole an, es wird Zeit für gutes Essen.

Am Marktplatz in Fiesole stolpern wir über die winzig kleine und wahnsinnig süße Trattoria Vinandro. Hier essen wir großartige Anchovis, Pasta mit Pistazien Pesto, Wildschwein-Gulasch und zum Abschluss Cantuccini mit Vin Santo. Alles sehr lecker. Eine ordentliche Belohnung nach so viel Kulturgenuss.

IMG_3068
San Sebastian

IMG_3076 IMG_3037 IMG_3012 IMG_3986 IMG_2961 IMG_2898 IMG_4000 IMG_3048

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert