Schwarzwaldidyll

Stilecht zu unserem ersten Landvergnügen-Erlebnis gibt es ein echtes Bauernfrühstück mit frischen Eiern von Hühnern mit Namen und Milch fast direkt aus dem Euter. Dazu verwöhnt uns die Sonne mit ihrem strahlenden Gemüt. Ich fühle mich ein bisschen wie Heidi, als sie das erste mal zum Almödi auf die Hütte kommt.

Nach unserem Kraftmahl fahren wir nach Calw, das ist der nächste größere Ort, nur knapp 20 Kilometer von Zwerenberg entfernt. Weiter trauen wir uns heute nicht und das auch nur nach der fünffach wiederholten Wegbeschreibungen von Frau Stockinger. Wir sind noch leicht traumatisiert. 

Wir starten in der Touriinfo und lassen uns die wichtigsten Sehenswürdigkeiten nennen. Viele gibt es nicht, aber das Städtchen mit seiner intakten Fassade aus Fachwerkhäusern ist äußerst pittoresk. Wir besorgen Brezeln und Teilchen beim Bäcker und laufen rüber nach Hirsau, dem inzwischen eingemeideten Nachbardorf. Der Weg ist länger als gedacht und nicht besonders schön. Aber nach dem Sitz- und Fluchtag gestern, tut die Bewegung gut. In Hirsau gibt es eine beeindruckende Klosterruine. Das Benediktinerkloster St. Peter und Paul war bei seiner Erbauung im 11. Jahrhundert das größte in Deutschland und hatte in der kirchlichen Welt große Bedeutung. Das lesen wir natürlich erst nach unserem Besuch dort. Stattdessen machen wir es den Klosterkatzen gleich. Wir schleichen zwischen den übrig gebliebenen Gemäuern entlang und versuchen uns vorzustellen, wie es hier früher mal ausgesehen hat. Ganz schön erhaben und ein wenig furchteinflössend muss es gewirkt haben. Inzwischen hat die Natur ihr Territorium zurück erobert. Und das alte Kloster wirkt harmlos und strahlt eine morbide Schönheit aus. 

Wir laufen zurück nach Calw, um den wichtigsten Punkt auf unserer Schwaben-To-Do-Liste abzuhaken: Maultaschen essen. Dazu besuchen wir, wie sollte es anders sein, das Maultäschle. Das kleine Bistro macht allerdings auf modern und bietet nur abgewandelte Varianten des Klassikers an. Sind die Schwaben ihres Nationalgerichts etwa überdrüssig? Ich will schon etwas enttäuscht die Forellenmaultaschen bestellen, als ich mitkriege, dass es eine geheime Karte für Einheimische geben muss, von der man auch nur in Geheimsprache bestellen kann. Ich trickse die schwäbische Bedienung nach Harry-und-Sally Manier aus und sage einfach, dass ich das nehme, was der Mann vor mir hatte. Es funktioniert. Ich bekomme klassische Maultaschen mit geschmelzten Zwiebeln und Bratensoße. Sebastian macht auf halb modern und nimmt die Omlettmaultaschen. Es ist köstlich! Und ich finde wir haben unser Urlaubsgenussziel für heute schon erreicht.

Nach dem Essen schlendern wir durch das Zentrum. Das Hermann Hesse Museum soll ganz in der Nähe der Kirche sein. Da möchte ich hin. Der bekannte Literat ist ein Calwer und seine Stadt ist sichtlich stolz auf ihn. Überall taucht er auf. Nur sein Museum scheint irgendwie nicht da zu sein. Jetzt laufen wir schon das zweite Mal um die Kirche herum. Der Prinz schaut angestrengt in den Touriplan. Ich werde nörgelig und melde vermehrt Zweifel an. Ich will jetzt auch mal auf den Plan gucken. Plötzlich Stille. Der Prinz hält an und läuft abrupt in die entgegengesetzte Richtung. Ich flitze hinterher. Nach zwei Minuten taucht das Museum in unserem Blickfeld auf. Eigentlich nicht zu übersehen. Ich bin neugierig und bohre unbarmherzig nach. Es stellt sich heraus: Das Rätsel des verschwundenen Museums war der falsch herum gehaltene Touriplan. Ich pruste los. Ich lache so laut und anhaltend, dass sich das kleine Calw kurz erschreckt, bevor es in seine gewohnt friedliche Fachwerkgemütlichkeit versinkt. Wir gehen nicht ins Museum. Der Weg war das Ziel und außerdem ist das Wetter zu schön. Wir gucken kurz nach einem intellektuellen Souvenir aus dem Museumsshop. Wir finden aber nichts und gehen stattdessen zum Hermann-Hesse-Denkmal, um ein wenig intellektuelles Beweisfoto zu schießen. 

Der nächste Punkt auf unserem Tagesplan ist der Baumwipfelpfad Schwarzwald. Wir kommen kurz vor 5 Uhr an. Eine Stunde vor Schließung. Da haben wir mal wieder Glück gehabt. Außer uns ist niemand da. Nur eine größere Gruppe Firmenausflügler läuft im Tip-Top-Schritt weit hinter uns. Wir können also ausgiebig nach den Tieren und Bäumen, die auf  den Lehrschildern stehen Ausschau halten. Zuckersüß sind die Eichhörnchen, deren Snack Bars tourifreundlich ganz dicht am Geländer hängen. Wir können den putzigen Puscheln also direkt in die Knopfaugen gucken. Bestimmt eine dreiviertel Stunde brauchen wir für die 1,25 km. Die Tip-Top-Gruppe ist uns inzwischen auf den Fersen. Am Ende des Pfades wartet das Highlight auf uns. Ein 40 Meter hoher, luftiger Holzkelch mit einer Rutsche in der Mitte. Die ist heute allerdings wegen des vorangegangen Regens gesperrt. Sehr schade. Wir nehmen uns vor mit Jette wiederzukommen. Der Ausblick über den Schwarzwald ist wunderschön und lohnt sich auf jeden Fall noch ein weiteres Mal.

Wir fahren zurück zu Stockingers, wo wir noch eine Nacht bleiben dürfen. Zum Abendbrot gibt es wie beim Almödi, selbstgemachtes Holzofenbrot und großartige Brat- und gebrühte Rotwurst, wahrscheinlich von den Verwandten, der kleinen Kälbchen auf Stockingers Hof. Die Sonne scheint und wir sitzen vor unserem Zelt und spielen Ubongo bis die Sonne untergeht. 

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