Göteburg

Schweden 2018 · Teil 4

Midsommarfest in Göteburg – schön haben wir uns das vorgestellt. Die Stadt wird ein wogendes Meer aus Blumen und fröhlichen Schweden sein, habe ich gedacht. Wir fahren am Freitag Nachmittag von unserem neuen Campingplatz aus mit der Straßenbahn in die Stadt, um uns einen ersten Überblick zu verschaffen und uns eine gute Fika zu genehmigen. Wir steigen aus und wundern uns. Die Stadt wirkt leer. Ein paar Touristen laufen verwirrt hin und her. Wir steuern das erste Café an, dass ich heraus gesucht habe. Es hat zu. Ein Zettel klebt an der Tür mit den Midsommar-Öffnungszeiten bzw. Midsommar-Schließzeiten. Wir laufen die nächsten Läden ab. Zu. Zu. Auch zu. Nur die großen Kaffeeketten sind offen. Ich bin zu stolz, um mich mit einem langweiligen internationalem Kaffee zufrieden zu geben. Ich bin schließlich kein nullachtfünfzehn Tourist. Auf zur zur Touri-Info, die können uns bestimmt sagen, was hier los ist. Wir trauen unseren Augen nicht. Zu!

Wir laufen quer durch die Stadt, vorbei an der Feskekörka – wo immer frischer Fisch verkauft wird. Nur heute nicht. Ein einziger türkischer Stand ist offen. Wir laufen Richtung Hafen und Oper. Die Stadt ist gespenstisch leer. Es hallt wenn man leise miteinander redet. Ab und zu kommen ein paar Geräusche aus indischen oder thailändischen Restaurants. Die haben immerhin noch offen. Die Verzweiflung treibt uns schließlich zu Waynes – eine Kaffeehauskette. Wir sind fast die einzigen nullachtfühnfzehn Touristen im Laden. Bevor wir begrüßt werden, werden wir darauf aufmerksam gemacht, dass in 20 Minuten geschlossen wird – wegen Midsommar. Wir bestellen einen extra starken Kaffee. Die Zimtschnecke schmeckt pappig, aber der Kaffee ist gut. Wir trinken zügig aus und schleichen langsam zurück zum Campingplatz. An der Rezeption, die glücklicherweise besetzt ist, lernen wir, dass wir alles falsch gemacht haben. Midsommar feiert man auf dem Land. Nur wer nichts zu feiern hat, bleibt in der Stadt. Außerdem wird nicht am Samstag dem Feiertag gefeiert, sondern am Freitag – also heute! Wir setzen Jette das Blumenhaarband auf und schreiben Midsommar 2018 ab. Ein paar Schweden feiern auf dem Campingplatz, ganz ruhig und beschaulich ohne Baum und Tänze. Mit Blumen und Kerzen auf den Tischen und Birkenzweigen um die Markisenstangen gewickelt. Die kleine Prinzessin und ihr Haarband bekommen einen kleinen schwedischen Fanclub. Wir sind versöhnt. Irgendwie süß ist das. Wir kommen irgendwann wieder und dann machen wir alles richtig.

Der nächste Morgen zieht sich. Wir sind unmotiviert. Wegen des Feiertags hat alles geschlossen und die Stadt wird wahrscheinlich noch ausgestorbener sein als gestern. Wir wissen nicht so recht, wo wir hin sollen. Dann ein Lichtblick, wir treffen eine bekannte Ärztin aus dem Krankenhaus in Potsdam. Ihre Tochter ist einen Monat älter als die kleine Prinzessin. Wir setzen die beiden Babys auf die Decke und quatschen über Elternsachen, Schweden und Potsdam. Es ist sehr nett. Irgendwann fahren wir dann doch wieder in die Stadt. Schließlich haben wir Hunger. Wir spazieren durch Haga, den Hipsterstadtteil von Göteburg. Die kleinen Einrichtungs-, Klamotten- und Krimskramsläden sind alle geschlossen. Aber die Cafés und Restaurants haben auf. Es sind natürlich wieder nur Touris auf den Straßen. Aber es ist belebter als gestern und es ist richtig schön hier. Wir essen eine Art gemischten Tausendundeinenacht-Teller von einem amerikanischen Perser, der nach Schweden ausgewandert ist. Es schmeckt sehr gut. Die kleine Prinzessin isst eine halbe grüne Olive. Es wird langsam. Nach dem Essen laufen wir auf einen Berg mit einer kleinen Bastion – Skansen Kronan. 25 Grad Steigung, mindestens. Der Prinz trägt die kleine Prinzessin, ich schiebe den Wagen. Die Schwerstarbeit lohnt sich. Der Blick ist wunderbar. Dennoch finde ich, sollte diese körperliche Hochstleistung mit einer Fika belohnt werden. Und ich muss ja schließlich auch wieder herunter kommen. Was für ein Glück, dass es auf dem Berg ein süßes kleines Café gibt. Wir teilen uns eine riesige und köstliche Waffel und eine Kaffee. Danach entspannen wir in Hängematten. Unser nächstes Ziel ist der Slotskogen, ein riesiger Park. Hier gibt es sogar einen richtig schönen Zoo. Die Rentiere sind mein Highlight. Der Prinz ist begeistert von den Sommerlangläufern, die auf den breiten Straßen des Parks trainieren. Wieder ein toller Park. Das können die Schweden. Wir hätten es nicht gedacht, aber das war ein wunderschöner Tag in Göteburg.

Zurück auf dem Campingplatz versucht der Prinz das Vorrundenspiel gegen Schweden auf einem unserer Geräte anzuzeigen. Ich wandere derweil mit Jette auf und ab und höre das erste Tor der Schweden über den Campingplatz hallen. Rückstand. Aber zumindest kommt der Prinz voran. Kurz vor Ende der ersten Halbzeit hat er Erfolg auf dem IPhone. Wir gucken den Rest des Spieles auf dem Minidisplay, während Jette im Bett hinter uns schläft. Sieg in letzter Minute durch einen Freistoßtreffer von Tony Kroos. Der Campingplatz bleibt ganz ruhig.

Bevor wir am nächsten Morgen abfahren, gönnen wir uns das Frühstücksbuffet – mit Hering, Rote-Beete-Salat und Leberpastete. Nicht schlecht, diese Frühstücksvariante.

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