Raubtiere

Schweden 2018 · Teil 9

Auf dem Weg zu unserem nächsten Campingplatz, machen wir Halt im Raubtierpark (Rovdjurpark) in Orsa. Hier leben einheimische und im weiteren Sinne nordische Raubtiere auf einem großen, hügeligen Gelände. An mehreren Stellen sind Holzplattformen, von denen man die Tiere aus der Vogelperspektive betrachten beziehungsweise erst einmal suchen kann.

Zuerst begegnen wir zwei Eisbären. Die kuscheligen weißen Bären sind ganz nah am Zaun. Wir sind begeistert und ehrfürchtig. Wunderbare Tiere. Als nächstes begegnen wir einem spiellustigen Kodiakbären, der einem kleinen Jungen immer am Zaun entlang folgt. Nur diesem Jungen, sonst niemandem. Egal, ob der Junge schnell läuft, langsam läuft oder stehen bleibt – der Bär macht das gleiche. Ein irres Schauspiel. Danach sehen wir den Wildkatzen beim faul Herumliegen zu. Persischer Leopard, Schneeleoparden und Tiger fläzen anmutig im Schatten. Es ist wieder richtig warm und hätten wir nicht einen vollen Touriterminkalender, dann würden wir auch reglos im Schatten liegen. Auch die ersten Braunbären, die wir von einer Holzplattform aus entdecken, strecken alle vier Tatzen von sich. Als wir gerade bei den Luchsen vorbei laufen, hören wir einen ohrenbetäubenden Lärm. Es sind Laute zwischen hysterischem Grunzen und aggresivem Brüllen. Der Ursprung – zwei Braunbären. Sie sind in aneinandergrenzenden Gehegen und machen beide auf dicken Max. Furchteinflößend. Da müssen wir natürlich hin. Wir kommen zu spät. Der Zoff ist vorbei. Dafür sehen wir etwas anderes. Drei Braunbärjungen hängen in einem Baum. Bestimmt fünfzehn Meter hoch ist einer von ihnen geklettert. Man hört es die ganze Zeit rascheln und knistern und ab und zu sieht man einen dicken Braunbärpo oder eine süße Schnauze aus dem Grün hervorluken. Mama Braunbär steht unbeteiligt unten am Baum. Irgendwann geht sie einfach. Vielleicht gibt sie noch ein Braunbärkommando, das wir nicht verstehen. Auf jeden Fall, klettern die drei Jungen blitzschnell den Baum herunter und flitzen Mama hinterher. Atemberaubend, wie behände die dicken Fellknäuel sind. Ein Baum als Fluchtziel bei einer Bärenbegegnung fällt jedenfalls aus. Luchs und Wolf sehen wir nicht mehr bei unserem Parkbesuch. Wir fahren weiter.

Es geht auf der E45 in den Norden. Die Landschaft verändert sich. Wir fahren durch den Wald. Durch den Wald. Durch den Wald. Durch den Wald. Ab und zu taucht ein See neben der Straße auf. Tiefes Blau umrandet von ununterbrochenem Grün mit kleinen, versprengten Krombacherinseln. Die Seen sind der Straße so nah, dass man meint, man könnte die Finger eintauchen, wenn man die Hand aus dem Fenster streckt. Und sonst nichts, keine Orte, keine Menschen, keine Zeichen von Zivilisation. Der Prinz atmet auf, darauf hat er die ganze Zeit gewartet. Mich befällt dagegen leichte Panik – was sollen wir hier denn machen – im Nichts? Es gibt doch einen Grund, warum hier keiner ist. Bekommen wir hier überhaupt etwas anständiges zu Essen? Irgendwann kommt doch ein Ort. In Sveg entern wir erstmal den ICA und bunkern für den Ernstfall. Direkt gegenüber steht der größte Holzbraunbär der Welt. Ein bisschen skurril, wie er da herumsteht an einer schnöden Straßenkreuzung. Aber wir freuen uns über ein Symbol unseres Erlebnisses heute.

Wir fahren weiter zum Campingplatz nach Hedeviken. Der Wald wird dichter und es wird immer später. Wir brauchen etwas zu essen und Jette ein Bett. Endlich, wir biegen auf die Einfahrt zum Campingplatz ab. Ein großes rotes Schild begrüßt uns – Fullt! Was so viel heißt wie – voll. Das ist uns bisher noch nie passiert. Und noch dazu in dieser Einöde. Wir steigen aus, wir wollen wenigstens fragen, ob nicht doch noch irgendwo ein kleines Plätzchen für eine Nacht ist. In dem Moment schießt ein deutsches Auto an uns vorbei. Eine blonde Frau springt heraus und rennt auf die Rezeption zu. Der Kampf ist anscheinend eröffnet. Raubtiere gibt es eben nicht nur im Raubtierpark. Ich schnappe Jette und versuche sie zu einem bezaubernden Lächeln zu überreden. Der Campingplatzbesitzer verzieht keine Miene. Stattdessen führt er uns alle zu einer Wiese mit einem kleinen Tümpel – hier ist Platz für mindestens 6 Camper. Wir sind erleichtert. Nur die blonde Frau guckt noch leicht verkniffen. Wahrscheinlich ist das ihr Gesichtsausdruck, wenn sie keine Beute machen konnte. Wir stellen den Bulli etwas oberhalb des Tümpels ab – von hier aus sieht man das Fjäll, genauer den Berg Sonfjäll. Der Prinz ist selig. Und ich auch. Wunderschön ist es in dieser Einöde. Ein Raubtier steht noch aus an diesem Tag – die im wahrsten Sinne gemeine Mücken. Die gedeiht hier prächtig und treibt uns um halb 10 in den Bulli. Wenn die fiesen Viecher wenigstens so süß aussehen würden wie die tapsigen Bären …

2 thoughts on “Raubtiere

  • Gibt’s ja nicht! Selbst in der Einöde noch Konkurrenz und Wettlauf… Lasst euch nicht stressen, denn da ist manchen wirklich keine „Zivilisation“ mehr zu erkennen 😉

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